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Schule kann man nicht wählen - man muss mit!

Wir sind eine Wahlgesellschaft

 

Es sind Wahlen. Sie sind Ausdruck einer demokratischen Verfassung und eines Staates, bei dem die Bürger gefragt sind und mitreden können. Darüber hinaus aber sind wir eine Gesellschaft, bei der die Wahlmöglichkeit eine zentrale Bedeutung hat. Sie ist zugleich Ausdruck der Freiheit wie der

 

Selbstbestimmung. Wir können weitgehend Beruf, Arbeitsstelle, Haus, Partner, Werte und auch den Lebensstil wählen. Selbst eine Hakennase ist heute keine unabänderliche Bedingung mehr, sondern ein lösbares Problem. Aber: wer wählen kann, muss wählen. Wählen und sich quälen sind oft nahe beisammen. Trotzdem möchte kaum jemand auf seine Wahlmöglichkeiten verzichten. Viele glauben, dass Glück und selbst bestimmte Wahl zusammenhängen. Die Wahlorientierung der Gesellschaft geht heute so weit, dass sogar Leben und Tod in diesen Bereich treten. Wählen, ob man ein werdendes Kind will oder nicht, wählen, ob jemand bereits genug lange gelebt hat.

 

Die Schule - ein Kontrastprogramm

 

Die Schule stellt demgegenüber geradezu ein Kontrastprogramm dar! Wahl ist da nicht vorgesehen. Weder das Schulhaus noch die Lehrperson, da muss man schon umziehen. Auch die Fächer, der Stoff und der Stundenplan können nicht gewählt werden. Teilweise kann nicht einmal der Sitzplatz gewählt werden, frei steht nicht, ob man in der Pause rumrennen oder ruhen möchte, ob man gemütlich im Unterricht plaudert oder eifrig mitmacht. Die Schule ist, zumindest rechtlich, eine Anstalt und damit nicht wahlorientiert.

 

Das führt zu Konflikten. Exemplarisch hierfür war in den letzten Monaten eineAuseinandersetzung in der Gemeinde Belpberg. Eltern waren mit einer Lehrperson zunehmend unzufrieden, die Reaktionen der Schulbehörde zu zögerlich, so dass der Unmut der Eltern an der Gemeindeversammlung im Januar eskalierte. In der Folge wird der Druck auf den Lehrer so stark, dass er sich selbst krank schreiben liess. Der Fall soll nun auf Wunsch des Berufsverbandes untersucht werden, damit Lehrpersonen nicht zu Freiwild würden. Für Lehrerinnen und Lehrer sei es wichtig, zu wissen, ob jemand hinter ihnen stehe oder – so der Berufsvertreter – «sie zum Abschuss» freigegeben seien.[1]

 

Konflikte zwischen Eltern und Schule sind systembedingt

 

Vom Schulgesetz her hat die Schule eigentlich eine unterstützende Funktion im Dienste der Eltern: "Die Schule unterstützt die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder", so die Formulierung in den meisten kantonalen Volksschulgesetzen. Konkret gibt es aber eigentlich nur Einschränkungen und Relativierungen dieses Elterneinflusses auf die Schule. Konkret endet der Einflussbereich der Eltern an der Schulhaustüre:

 

Das Bundesgericht hat sich am 24. Oktober 2008 in einem wegweisenden Urteil gegen religiös motivierte Schwimmdispens, entgegen dem Wunsch der Eltern, ausgesprochen. Der Unterricht in 'Religion und Kultur' im Kanton Zürich ist für alle obligatorisch, obschon Eltern zurecht argumentieren können, dass sie eine kioskartige, unverbindliche Diskussion über Religion für die eigenen Kinder nicht wollen.

 

Mit der Verwaltungsreform wird in vielen Kantonen die Schulleitung gestärkt und Laiengremien, z.B. in Form von politisch gewählten Schulkommissionen, in ihren Kompetenzen geschwächt, teilweise sogar abgeschafft. Dadurch werden Schulleitungen sehr mächtig und werden z.B. im Konfliktfall mit Eltern eher auf der kollegialen Seite der Lehrperson stehen. Wie sollen sie da zugleich den Konflikt lösen können? Schulleiter fühlen sich häufig alles andere als mächtig, da sie Entscheide verantworten und kommunizieren müssen, für die vorher ein Gremium gerade stand. Die Schule droht so die Allianz mit den Eltern zu verlieren. Doch damit nicht genug!

 

 

 

Die Schule lebt eine Gegenkultur zur Gesellschaft

 

Schule kann sich nicht von einer wahlorientierten Gesellschaft leiten lassen. Sie soll eine allgemeine Bildung vermitteln und Schüler gerade nicht z.B. auf Wirtschaftstauglichkeit hin abrichten. Sie soll kulturelle Kostbarkeiten nahe bringen, Lebenstüchtigkeit fördern, den nötigen Hintergrund vermitteln, damit Kinder als künftige Bürger an unserer demokratischen Kultur teilhaben können. Das soll sie tun unabhängig davon, ob das nun Wunschprogramm von Wirtschafsvertretern, Politikern Schülern, Eltern oder auch Lehrpersonen ist. Schule soll erziehen und kann dabei nicht die Konsumorientierung als Leitstern nehmen. Fast immer ist Erziehung Gegenkultur zur gesellschaftlichen Entwicklung. Es geht um Friedensbereitschaft und nicht um Kriegsfreude, wie sie die Unterhaltungsindustrie zelebriert. Fairness soll vermittelt werden und nicht Gewinnmaximierung. Kinder sollen Solidarität lernen und ihren Egoismus zügeln. Wer sonst trägt in der Gesellschaft noch dieses Anliegen mit? Man soll auf Schwächere Rücksicht nehmen und sie nicht anprangern, verpetzen oder zur Schau stellen, wie dies medialer Alltag ist. Es geht um gegenseitiges Vertrauen und nicht um den Kampf der Kulturen.

 

Das ist ein anstrengendes Geschäft! So viel Gegenkultur auf einmal ist schwer durchzuhalten und erinnert an Wüstenmönche, Amische und Einsiedler!

 

Gegenkulturen provozieren Konflikte

 

Wenn aber diese Spannung zwischen Gesellschaft, Schule und Elternhaus weiter zunimmt, ist die Frage, wo sich dieser Konflikt entladen wird. Historisch naheliegend wären religiöse Themen. Betrachten wir zuerst, mit welcher Strategie den potentiellen Konflikten entgegengewirkt werden soll.

 

Eine Strategie ist, dass sich Schule an der Wissenschaft orientiert und deshalb keine Glaubens- sondern Wissensinhalte vermittelt. Damit sind religiöse Themen problematisiert. 'Glauben' wird in dem Zusammenhang immer mit 'vermuten' gleichgesetzt. In der deutschen Sprache kann 'glauben' aber auch 'vertrauen' bedeuten. Wenn er zu ihr sagt: "Ich glaube dir!", hat das (hoffentlich) nichts mit vermuten zu tun. Grundsätzlich sind Wissen und Vertrauen radikal verbunden, weil jedes Wissen auf Glaubenssätze stützt und Wissenschaft immer auch interesse- oder hoffnungsgeleitet ist. Vor allem hofft sie, dass ihre Kollegen in der Darstellung ihrer Erkenntnisse nicht betrügen. Eine zweite Strategie besteht darin, Religion als Bereich darzustellen, der frei gewählt werden kann, nicht wahrheitsfähig ist und meist zu Konflikten führt.

 

Ausdruck davon ist unter anderem, dass Religionskritiker mit Bezugnahme auf die Uno Kinderrechtskonvention die Altersgrenze der religiösen Mündigkeit herabsetzen wollen, weil in ihren Augen glaubende Eltern ihre Kinder bevormunden. Eine solche kioskartige Inszenierung von Religion widerspricht Religion im Kern. Sie ist das eine Bindende, das frei macht, indem es bindet.  Religion ist kein Accessoire, das man mal so und mal so wählen kann, um seine Identität damit auszustaffieren.

 

Eine dritte Strategie besteht darin, dass so getan wird, als ob es gar keinen Glaubens- oder Wertekonflikt gibt, weil sich ja alle vernünftigen Menschen über ihre Werte einig sind. Ein solches Vorgehen führt aber dazu, dass man gar nicht mehr rational miteinander über das, was uns verbindet, diskutieren kann und das macht die Wertefrage zu einer Machtfrage. Es gibt Vernünftige und Unvernünftige...

 

Bildung bedingt Verbindung

 

Der oben geschilderte Konflikt zwischen Schule, Elternhaus und Gesellschaft wirkt sich grundlegend auf die Bildung aus. Nur dort, wo ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis besteht, gelingt Bildung gut. Ein gutes Verhältnis wirkt sich entscheidend auf die Lebenszufriedenheit der Lehrperson aus. Diese Zufriedenheit ist der entscheidende Faktor, ob seine Schüler Erfolg haben! Die Schüler zufriedener Lehrpersonen sind 43% besser als der Durchschnitt![2]Es ist also entscheidend wichtig, die Eltern als Schule an Bord zu holen und in der Gesellschaft für den Auftrag der Schule zu werben. Es gibt europaweit verschiedene Modelle, die dies klar begünstigen. Sehr gute Schulen in Deutschland sind Privatschulen, die aber vom Staat bis zu 95% finanziert werden. In den Niederlanden werden alle Schulen vom Staat voll finanziert, egal ob mit privater oder staatlicher Trägerschaft. Dies ermöglicht, dass die Schule gemeinsame Identität entwickelt, weil sie eine gemeinsame Werte- und Glaubensbasis hat. Sektiererischen Wildwuchs hat es in den 90 Jahren, die dieses System z.B. in den Niederlanden bereits besteht, nicht gegeben. Die Kontrolle via Rahmenlehrplan und Abschlussprüfung am Ende der Schulzeit reichen aus.

 

Wenn Schulen einen klaren Freiraum haben und die Eltern an Bord sind, können diejenigen Schule machen, die es betrifft. Von profilierungsbemühten Politikern erfundene Reformen haben nie den Schwung der entsteht, wenn Eltern und Lehrpersonen für das Wohl des Kindes gemeinsam hinter dem Kontrastprogramm der Schule stehen und es mittragen. Von daher wünsche ich der Schule ein politisches System, das Reformen von unten ermöglicht, statt sie von oben herab zu verordnen. Um der Kinder Willen!

 

Daniel Kummer

 



[1] Weitere Informationen unter: lehrer.bernerzeitung.ch, 1.3.2010

[2] Martin Helg: Der Lehrer ist an allem schuld. in: NZZ am Sonntag; 28.02.2010; Ausgaben Nr. 9; Seite 69

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